Der Tag der Vernissage – Part 1

Es ist schon verblüffend, wie schnell der Alltag einen wieder hat. Eben war man gefühlt noch außerhalb von Zeit und Raum und nun steht man wieder mitten im tagtäglichen Leben, erledigt die üblichen Aufgaben, holt Liegengelassenes nach…
Und so finde ich zwischen den Dingen kaum die Zeit, dieses kreative und intensive Blitzlicht-Gewitter der 2 Wochen ERFURTER SCHMUCKSYMPOSIUM zu verarbeiten.

Zum Glück haben sich diese Woche die Handwerker angemeldet und ich musste mir von der Arbeit freinehmen. Endlich die passende Gelegenheit, einmal zurück zu schauen. Und dabei fällt mir auf, ein Resümee ist noch gar nicht fällig. Ich habe die Geschichte noch nicht zuende erzählt. Es fehlt der letzte Tag, der noch einmal so vieles war: ein Tag des Begegnens und Lauschens, ein Tag neuer Orte, ein Tag des Zeigens und Austauschens, ein Tag der Geburt und des Abschieds – der Tag der Vernissage:

Part 1: Das Kolloquium

Wir trafen uns Samstagmittag in der Kleinen Synagoge an der Gera, um im dortigen Gebetsraum 3 schmuckinspirierten Vorträgen zu lauschen.

 

Miroslav Cogan, Kunsthistoriker am Museum des Böhmischen Paradieses und Kurator der Internationalen Schmucksymposien in Turnov (CZ), erzählte uns über die Geschichte des Turnover Symposiums, über all die schönen Momente, die entstandenen Freundschaften, aber auch über die harte Arbeit, die jedes Mal in der Vorbereitung und Veranstaltung eines solchen künstlerischen Miteinanders steckt.

Erfurter Schmucksymposium_Tag der Vernissage_03

Das kostet immer wieder viel Kraft und so war für Miroslav irgendwann die Luft raus, doch ein neues Werkstatthaus, junge engagierte Schmuckkünstler*Innen und eine verringerte Teilnehmerzahl belebten das Turnover Symposium noch einmal neu und verliehen ihm einen frischen Atem, „a second breath“
(Die Resultate aus dem vergangenen Jahr können Sie sich derzeit übrigens ebenfalls in der Galerie Waidspeicher anschauen.)

Der zweite Vortrag war definitiv das Highlight des Kolloquiums. Gehalten wurde er von Daniel Kruger, selbst Schmuckkünstler, ehemaliger Professor für Schmuck an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und offenbar – so flüsterte es durch die Stuhlreihen Ist er nicht großartig?! Ich verehre ihn so sehr. – hoch geschätzt unter seinen Kolleg*Innen und wahrscheinlich darüber hinaus.
Er nahm uns in seinem Vortrag Between nature and artifice (Zwischen Natur und Künstlichkeit) mit auf eine faszinierende wie inspirierende Werkschau.

Schon nach den ersten Bildern verstand ich, warum die anderen Künstler diesen Mann so bewundern. Seine Schmuckstücke sind von magischer Schönheit. Aus ihnen spricht großer Mut, Neugier, die Lust am Spiel mit Materialen/ Formen/ Farben, die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten und auszuradieren und – was mir besonders gefällt – oft auch eine Prise Humor… Seine Inspiration findet Daniel Kruger dabei in afrikanischer Folklore ebenso wie im Funkeln eines Fahrradreflektors. Genau das macht sein Werk so schillernd und facettenreich.

Erfurter Schmucksymposium_Tag der Vernissage_04

Sie können es sich vielleicht vorstellen, der Applaus am Ende des Vortrages war sehr enthusiastisch. Doch galt er nicht allein dem Künstler oder seinem Werk. Nein, er galt vor allem dem Menschen Daniel Kruger, der – das war jede Sekunde spürbar – innig liebt, was er tut und der trotz seiner großen Begabung – auch das klang in jedem seiner Worte mit – stets bescheiden geblieben ist und dankbar für das Geschenk, Schmuckkünstler zu sein und dieses Handwerk auch an andere weitergeben zu können. Ich finde, das kann man nur bewundern.

Der dritte Vortrag begann unter denkbar schlechten Voraussetzungen. Der Zug von Schmuckkünstler, Desinger und Kurator Christian Hoedl aus München hatte erhebliche Verspätung, so dass er keine Zeit hatte, erst einmal in Ruhe an- und runterzukommen. Probleme mit der Technik machten es ihm dann nicht leichter. Vielleicht lag es daran, dass sein Vortrag ein wenig unsortiert wirkte. Vielleicht lag es auch an mir, daran, dass es der dritte Vortrag war oder an der verstörenden Dior-Show mit diesen klapperdürren Male-Modells, die er uns zeigte. So genau weiß ich es nicht, warum mir nicht so ganz deutlich wurde, was er uns mit seinem Vortrag Your attitude : Your Borderline : Communication matters sagen wollte.

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Ich glaube, anfangs sprach noch Christian Hoedl als Künstler. Er zeigte uns einige seiner Schmuckstücke, z.B  eine Kette, die vom Thema Trauer inspiriert war, schnörkellos, fast graphisch, was mir gefiel. Doch dann ging es plötzlich nicht mehr um die Kunst/ die Schmuckstücke, sondern um deren Präsentation oder Inszenierung. An dieser Stelle empfahl er, mit Künstler*Innen aus anderen Bereichen zusammenzuarbeiten, z.B. professionellen Photographen. So eine Zusammenarbeit könnte sehr inspirierend sein, könnte den Schmuck noch einmal in ein anderes Licht rücken als die laienhafte Instagram-Photographie. Da hat er nicht unrecht, aber die Frage ist, zu welchem Zweck? Sprach hier noch der Künstler, der Schmuck macht, weil es das ist, was er liebt oder sprach hier der Designer, der verkaufen will?

Ein Stück weit blieb diese Frage auch nach der anschließend aufkeimenden Diskussion offen. Für einen konstruktiven Schlagabtausch waren wir wohl alle ein wenig zu müde. Wir brauchten eine Pause, bevor es am Abend zur Vernissage gehen sollte. Aber davon werde ich Ihnen beim nächsten Mal berichten…

 

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3 Kommentare

  1. Liebe mo…
    aus Deinen Photos spricht die Konzentration der Zuschauer beim Zuhören und auch der Spaß, den diese offensichtlich beim Zuhören hatten. Schmuck war für mich bisher eigentlich eher etwas, das irgendwo rumlag, das ich betrachtet habe und über das ich nicht weiter nachgedacht habe. Du entwickelst mich mit Deinem Blog, da wirklich weiter und ich bekomme einen anderen, intensiveren Blick auf diese Dinge. Das finde ich sehr bereichernd. Danke Dir dafür.
    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anne,

      vielen lieben Dank!
      Die Frage, was Schmuck eigentlich ist oder eben für den einzelnen ist, hat sich auch während des Symposiums immer mal wieder gestellt… Ich habe für mich gelernt, dass Schmuck viel mehr sein kann als bloßes (schmückendes) Beiwerk. Schmuck im Sinne des Symposiums ist Kunst. Er erzählt mir eine Geschichte. Sei es die seines Schöpfers oder meine eigene oder eine Kombination aus beiden…
      Es freut mich sehr, wenn ich dir da eine neue Perspektive verschafft habe.

      lg. mo…

      Gefällt 1 Person

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