Auf den Spuren der RE/Formation – Luther & die Avantgarde

Es ist mal wieder nicht leicht, sich zu konzentieren. Immer wieder passiert etwas um mich herum. Es ist nicht nur das Hämmern, das Klicken, das Rattern und Rauschen. Es sind ebenso die Begegnungen zwischen den Arbeitstischen, die kleinen Gespräche, die Neugier an der Arbeit der anderen, das Lachen…

Die Luft flirrt. Die Anspannung steigt. Mit einem Blick auf den Kalender wird uns allen klar, dass schon so viel Zeit vergangen ist. Hier und da macht sich eine kleine Panik breit, Zweifel blitzen auf. Am Donnerstag beginnt bereits die Einrichtung der Ausstellung…

Trotzdem ist die Atmosphäre angenehm. Alle nehmen sich Zeit für einander, ermuntern sich gegenseitig, geben Ratschläge oder hören einfach nur zu. Scherzhafte Bemerkungen oder spontane Tanzanfälle sorgen immer wieder für Heiterkeit.

Ich streune herum, strande hier und da an einem Tisch und stelle Fragen. Heute möchte ich von den Teilnehmer*Innen wissen, was ihr persönlichers Highlight bei der Luther & die Avantgarde-Ausstellung in Wittenberg war. Was hat bleibenden Eindruck hinterlassen?

Die Frage ist wirklich nicht leicht. Die Ausstellung, die wir am Mittwoch als Teil eines Tagesausfluges in die Lutherstadt Wittenberg besucht hatten, war in ihrer Gesamtheit mehr als beeindruckend, ja beinahe überwältigend.
Allein der Ort und das Konzept der Ausstellung sind schon speziell. Freiheit hinter Gittern: 70 internationale Künstler verwandeln das Alte Gefängnis in Wittenberg zum Museum auf Zeit, heißt es im Programm. Gezeigt werden – teils auf dem Gelände, größtenteils aber in den Zellen des Gefängnisses – Photographien, Skulpturen, Installationen, Video- und Tonaufnahmen und vieles mehr. Dabei geht es weniger um die historische Person Luther, sondern vielmehr um die Ideen, die er verkörpert. Luthers Werk dient für die Künstler*Innen als Inspiration, aber auch als Reibungsfläche.

Wir wanderten von Stockwerk zu Stockwerk, von Zelle zu Zelle, kleine – an Smartphones erinnernde – Abspielgeräte am Ohr, die uns auf Wunsch etwas über den jeweiligen Künstler*Innen und deren Werke erzählten. Auch dieses Bild hatte hier und da etwas Absurdes, wenn jeder für sich den Stimmen lauschte – ein Spiegel unserer Lebenswelt.

Es galt immer wieder von Neuem, sich auf das jeweilge Werk einzulassen. Das verlangte uns einiges ab. Zum Glück ist die Ausstellung aber so konzipiert, dass man das Gebäude immer wieder verlassen kann, um sich in der kleinen Gastronomie im Innenhof – mit dem humorvollen Namen Offener Vollzug – bei Kaffee und Kuchen und anderen Leckerein zu erholen. Dennoch ist wohl ein Besuch zu wenig, um diese großartige Ausstellung in ihrer Gänze zu erfassen. Einige Werke gingen zwischen den anderen unter, gerieten schnell wieder in Vergessenheit. Andere jedoch haben bleibenden Eindruck hinterlassen.

Gleich im Eingangsbereich des Gefängnisses war zum Beispiel das Video „Casting Jesus“ von Christian Jankowski aus dem Jahr 2011 zu sehen. Der Künstler lässt hier im Stil der gängigen Castingshows eine Jury aus 3 Mitarbeitern des Vatikans einen neuen Jesus wählen. Um ihren idealen Jesus zu finden, animiert die Jury die Kandidaten, Brot zu brechen, Kreuze zu tragen, Kranke zu segnen und letztendlich zu sterben. Dies geschieht mit einer Ernsthaftigkeit und Begeisterung, die in ihrer Absurdität gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Am Ende findet die Jury ihren Jesus und er ist durch und durch Klischee.
Der Film spielt mit dem Auspruch aus dem 2. Buch Mose „Mach dir kein Bildnis!“, in dem er überdeutlich zeigt, dass der Mensch das eben nicht kann, sich kein Bild zu machen. Wir können nicht anders, wird bilden uns Meinungen, urteilen… Der Film lädt uns insofern ein, den Ausspruch in einem anderen Sinne zu sehen, nämlich offen zu sein, unsern Ansichten zu hinterfragen und uns keine vorgefertigten Meinungen über die Dinge oder die Welt zu machen…

Es gäbe noch andere Bilder, Installationen und Werke zu erwähnen, z.B. Andrey Kurkins Prayers aus Brot und Speichel oder Christian Boltanskis Zelle, deren Wände mit geschwärzten Spiegeln bedeckt ist oder Richard Jacksons regenbogenbunte Wandmalerein, die entstanden, in dem er bemalte Leinwände über die Wände rieb oder oder oder… ja, selbst das Gebäude, die Schattenspiele in den Fenstern sind Teil des Gesamtkunstwerks.

Wissen Sie was, ich kann sie nur ermuntern, wenn Sie noch irgendwie Zeit finden, fahren Sie nach Wittenberg und schauen Sie sich diese beeindruckende Ausstellung an. Es lohnt sich. Sie haben noch bis 17. September Zeit.

Und wenn Sie einmal auf dem Weg sind, können Sie sich ab dem 9. September gleich noch die Ausstellung des ERFURTER SCHMUCKSYMPOSIUMS anschauen. 🙂

Aber keine Sorge, bis dahin werde ich Ihnen natürlich weiter Bericht erstatten…

 

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5 Kommentare

  1. Liebe Mo,
    wow, was für unglaublich beeindruckende (Wort)Bilder …
    Da habe ich wirklich lange Zeit gebraucht, um da die angemessenen Worte zu finden, suche sie immer noch. Bis ich sie gefunden habe, schreibe ich dir meinen Lieblingssatz auf: *Auch dieses Bild hatte hier und da etwas Absurdes, wenn jeder für sich den Stimmen lauschte – ein Spiegel unserer Lebenswelt.*
    Liebe Grüße,
    Mia

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Mo,
    jetzt habe ich auch große Lust, nach Wittenberg zu fahren und mir insb. die Ausstellung im Alten Gefängnis anzusehen. „Casting Jesus“ finde ich faszinierend.
    Danke für deine lebendige Beschreibung und die visuellen Eindrücke.
    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Ulrike,

      vielen lieben Dank!
      Ich war selbst letzte Woche noch einmal mit einer Freundin dort und ihr hat es auch sehr gut gefallen.
      Falls du es bisher noch nicht geschafft hast, die Ausstellung wurde noch einmal bis 1. November verlängert.
      lg. mo…

      Gefällt mir

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