Die Werkstatt – Werkstatttheorien und Werkstattarbeit

Von Grit Becher (aus dem Katalog 30 Jahre ERFURTER SCHMUCKSYMPOSIUM)

(English)

Wie viele Worte müssen für eine Werkstatt gesprochen sein, um deren Präsenz zu würdigen?

Eine gut eingerichtete Werkstatt ist notwendige Voraussetzung im Schaffensprozess der Teilnehmer eines Schmucksymposiums, weil sie der Ort ist, an dem sich die Ideen materialisieren.

Die Werkstatt ist ein verlässlicher Ort, stets präsent und jederzeit bereit, den Künstler zu empfangen. Sie ist der Platz, an dem das künstlerische Schmuck-Objekt entsteht. Hier wird entworfen, gestaltet, gebaut, experimentiert, verworfen, neu entworfen – im Prozess des Abwägens, Auslotens, des Empfindens, der Begegnung des Ichs und des Anderen durch die eigene und fremde Arbeit hindurch. Dieser Prozess führt im Wechselspiel von der Praxis zur Theorie zur Praxis – usque ad finem –, ähnlich einem hermeneutischen oder heuristischen Zirkel. Das ist jedoch kein Zirkelschluss, weil die Aussage eine logische ist und sich in der Konsequenz in schönster Form im Material zeigt. Hier wird das Material zur Kunst, der Mensch zum Künstler – immer mit dem Wunsch, wissen zu wollen und manchmal wissen zu können, wann es genug ist. So finden sich zehn Teilnehmer eines Schmucksymposiums für zwei Wochen zusammen, um unter einem gemeinsamen Thema zu arbeiten.

Die zur Sprache gebrachte Bedeutung der Werkstatt liegt in deren Ausstattung und steten Möglichkeit der Nutzung. Die Künstlerwerkstätten Erfurt, eine Einrichtung der Stadtverwaltung Erfurt, existieren als solche seit 1977 und wurden bis 1990 als Büro für architekturbezogene Kunst des Rates des Bezirkes Erfurt genutzt. Seit 1991 sind sie Künstlerwerkstätten der Stadt Erfurt.

Von 1984 bis 1992 fanden die ersten fünf Erfurter Schmucksymposien in den privaten Goldschmiedewerkstätten von Helmut Senf (Auenstraße), Uta Feiler (Nordstraße) und Rolf Lindner (Moritzstraße) mit insgesamt neun Teilnehmern statt. Zwischen 1991 und 1993 ergriffen die Organisatoren in Zusammenarbeit mit Herbert Schönemann, damaliger Leiter des Amtes für Museen und Ausstellungen, Heidi Bierwisch und Bettina Wolf die Initiative und bauten mit viel Engagement und fundiertem Wissen den Werkstattkomplex als Künstlerwerkstätten auf. Seitdem finden die Internationalen Erfurter Schmucksymposien in den Künstlerwerkstätten statt.

Die Werkstätten sind ebenso ein Ort für die Internationalen Emailsymposien (2013 – 15. Internationales Emailsymposium), für Schmuckgestalter und Goldschmiede, für Emailleure, Künstler anderer Genre, kreativ Schaffende, Schüler und Auszubildende.

Die Kombination von Goldschmiede mit zehn fachspezifisch ausgestatteten Arbeitsplätzen, Großraumatelier, Emailwerkstatt mit Emailbrennofen, in dem großflächig gebrannt werden kann, sowie Atelier- und Arbeitsräumen heben die Werkstätten als einzigartigen Standort in Deutschland hervor.

Mit dem 6. ERFURTER SCHMUCKSYMPOSIUM 1994 fand die erste Stadtgoldschmiedin der Landeshauptstadt Erfurt Katrin Lucas ihr Arbeitsfeld in der Goldschmiede. Es folgten von 1996 bis 2013 die Stadtgoldschmiede: Brigitte Moser, Karl Fritsch, Masako Hamaguchi, Katja Korsawe, Felix Lindner, Helen Britton,Volker Atrops, Nora Rochel.

Der von der Landeshauptstadt Erfurt ausgeschriebene Preis des Stadtgoldschmiedes wird seit 2010 alle drei Jahre vergeben und mit einem Stipendium versehen. Das Statut des Erfurter Schmucksymposiums sieht vor, dass jeder Stadtgoldschmied Teilnehmer des darauffolgenden Erfurter Schmucksymposiums ist.

Die Situation in den Werkstätten ist spezifisch, anders als im gewohnten eigenen Atelier. Individualität, Ideen und Ansichten treffen aufeinander und reiben sich. Eine Atmosphäre von hoher Aufmerksamkeit und tiefer Konzentration in gleichzeitigem Entrücktsein, aber voller Präsenz, entsteht und ermöglicht ein Spiel aus schöpferischer Tätigkeit von Verwerfung und Neufindung auf dem Weg in unbekanntes Terrain – auf der Suche nach dem Schmuck-Objekt im expressiven, experimentellen Ausdruck.

Die Werkstätten als Arbeits- und Experimentierfeld eröffnen Dimensionen, die bei gemeinsamer Arbeit ein intensives, gemeinsames Erleben verschaffen. Rahmenprogramme wie offene Werkstattgespräche, Kolloquien und Vorträge begleiten die Symposien und ermöglichen Erkenntniszuwachs sowohl für den Künstler als auch den Rezipienten. So manifestieren sich Gedanke und Wort letztlich im Material.

Ein Dank gilt allen, die im 30. Jubiläumsjahr 2014 das 15. Erfurter Schmucksymposium ermöglichen und damit die Voraussetzungen für Experiment, Resultat und Wahrnehmung auf internationaler Ebene im Schmuckdesign schaffen.

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